Ein
Heer von Arbeitsrechtlern. Was man als Arbeitssuchender so alles
aushalten muss...
Eine
unendliche Geschichte. Feinstaub und beißende Hunde...
Die Jagt
kann beginnen. Eine kritischer Text zu Saskia Frei's Politik.
Junkies, Senioren, Lebensschnitte. Ein Arbeiter welche verlassene
Wohnungen räumt, erzählt.
Ein Heer von Arbeitsrechtlern
Jemand,
Gero Jemand*, ist Ende des Jahres 2004 schon seit längerem ohne Arbeit – und
ohne Arbeitlosenunterstützung. Gero Jemand hat das
fast schon unglaublich grosse Glück, mit Irma Jemand, gebürtige Liebvoll,
verheiratet zu sein.
Irma
Jemand-Liebvoll arbeitet Teilzeit. Nicht dass sie damit gut fährt. Aber
immerhin: Es reicht mehr schlecht als recht um das rudimentärste knapp und unter
Verzicht auf Vieles durch zu boxen. Gero Jemand und seine Irma haben deswegen
auch öfters ziemlich harte Auseinandersetzungen.
Gero
ist nun nicht gerade das, was man einen Kämpfer nennt. Aber ab und an wird auch
ihm zuviel, was mit ihm geschieht. Doch davon später. Gehen wir der Reihe nach.
Also,
nach längerer Arbeitslosigkeit und damit Abhängigkeit von seiner geliebten Irma
torkelt Gero förmlich in eine Anstellung hinein, die er dann auch hoch erfreut
annimmt. Gero spukt in die Hände. Es gilt in dem Betrieb, den er durch seinen
und seiner Irma Umzug kennen gelernt hatte, Möbel, Geschirr und andere Dinge zu
schleppen. Da ist auch immer viel «Unrat» dabei, wie er sich in Haushaltungen
ansammelt, die zum Teil über Jahrzehnte nur zugenommen haben. Und das eine oder
andere gute Stück kann Gero dann jeweils «erben». (Denn was der einen Unrat, ist
der anderen Fundstück.)
Nun,
Gero findet den Job enorm interessant und kniet sich förmlich hinein. Und nicht
selten wenn er bei Haushaltsauflösungen dabei ist, erwacht in ihm unversehens
ein «Schatzsuchertrieb». Es ist einfach toll. Einen Monat nachdem er bei der
Firma «Möbelschub & Wohnungsputz AG» begonnen hatte, wird ihm vom Inhaber
eröffnet, dass 1.) keine Stundenzahl garantiert ist, und 2.) die
Lohnadministration über das Temporärbüro «Hire and Fire» abgewickelt würde.
Kein
Problem! Gero Jemand unterschreibt den Vertrag nur zu gern. Denn zum einen hat
er nun Arbeit, eine richtige Arbeit, wo man jeden Morgen hingeht und abends müde
aber zufrieden wieder nachhause kommt. Zum anderen erfüllt ihn die Aussicht mit
Befriedigung, wieder zum eigenen Haushalt seinen eigenen Beitrag leisten zu
können (und das Bier in der Beiz wieder selber bezahlen zu dürfen). Also alles
parletti. Welt ich komme.
Gero
weiss zwar von seinem Chef, dass es auch Einbrüche in seinem Pensum geben kann.
Aber in der Realität sind diese selten. Vielmehr müssen hin und wieder
Überstunden geschoben werden.
Rosarot
und himmelblau sind angesagt. Was kostet denn die Welt, wenn du nur Arbeit hast
– und einen Vertrag!
Das
Jahr hat also gut begonnen. Und es lässt sich auch noch in der Jahresmitte
bestens an. Und anfang der zweiten Jahreshälfte wird es sogar richtig deftig mit
dem Auftragsvolumen. Doch dann im Oktober: Schluss mit lustig und aus mit
deftig! Ein veritabler Auftragseinbruch. Die Firma bleibt bestehen. Doch die
Tagelöhner sind weg vom Fenster. Die (wenigen) Festangestellten der Firma können
weitermachen. Doch für die «Manipulationsmasse Tagelöhner» kommt das Aus. Auch
für Gero. Zunächst ein leises Erstaunen. Erinnerungen werden wach an die Zeit
vor den Betriebsferien im Sommer. Da war schon mal das Stichwort
«Festanstellung» gefallen.
Nun ja,
denkt sich Gero. Kann so schlimm ja nicht kommen. Arbeitsamt,
Arbeitlosenunterstützung. Dazu weiterhin periodische Einsätze bei «Möbelschub &
Wohnungsputz»: Zwischenverdienst.
Doch
damit ist der Tanz eröffnet. «Möbelschub» ist fein raus. Der Vertrag ist ja
schliesslich mit «Hire and Fire» abgeschlossen. Und in diesem Einsatzvertrag
wurde seinerzeit unter der Rubrik «Dauer des Einsatzes» eingetragen: Nur auf
Abruf.
Dazu
bekommt Gero mit dem Bescheid, sein Gesuch um Arbeitlosenunterstützung sei
abgelehnt, eine komplizierte Erläuterung mit Verweisen auf irgendwelche
Gesetzesartikel, welche aber zuguterletzt nichts anderes besagt, als dass Gero
nichts bekommt von der ALK (steht nicht für eine Suchtkrankheit, sondern für
«Arbeitslosenkasse»).
Nun
fasst sich Gero – eher eine friedliebende Natur – ein Herz und reicht Rekurs
ein. Er begründet diesen unter anderem damit, dass er sich eben über die
erhaltene Arbeit gefreut habe. Und dass er die ominöse Formulierung im Vertrag
unmöglich als Fallstrick gegen eine allfällige Arbeitlosenunterstützung
verstehen konnte.
Die
Beschwerde ist noch kaum richtig im Briefkasten eingeworfen, da kommt auch schon
die Antwort der Rekurskommission. Nebst der Bestätigung des vorinstanzlichen
Entscheides enthält sie noch mehr Rechtsdeutsch und noch mehr Querverweise auf
noch mehr Paragraphen und Absätze.
Nun
kommt bei Gero Jemand das Staunen – und irgendwie schleicht sich bei ihm ein
erstes Mal der Gedanke ein, dass er möglicherweise seinen Namen auf «Niemand»
ändern müsste. Wichtiger aber: erneut rafft sich der an sich nicht kämpferische
Gero auf und nimmt die Rechtsberatung des Arbeitsamtes in Anspruch. Zunächst
einmal ist hier warten angesagt weil man ja keinen Termin bekommt, sondern
einfach hingeht. Gero Jemand (oder Niemand?) rechnet mit einer langen
Sitzperiode und vertieft sich deshalb in Franz Kafkas «Der Process».
Sein «Process»
endet in dem Sitzungszimmer einer jungen (Bald-?) Anwältin mit Schuhen, die ihr
Gehen mit einem eintönigen aber lauten «tock, tock, tock» unterstreichen; einer
dunkelbraunen Hose, die schlapp an den Beinen herunterhängt und einer Brille,
deren Zweck es wohl sein muss, dem wenig aussagekräftigen Gesicht etwas
intellektuelles aufzusetzen. Also wenig vertauenerweckend. Im Raum sitzt noch
eine weitere Dame. Mit Schreibblock. Grau in grau gekleidet und damit schon so
grau, dass man sie glatt hätte übersehen können.
Gero
Niemand rafft trotzdem all seinen Mut zusammen und versucht verzweifelt, sein
Anliegen durchschimmern zu lassen. Auf dem Bürotisch läuft derzeit die Eieruhr.
Ja, im wahrsten Sinne des Wortes eine Eieruhr. Frau Paragraphin hat bei Geros
Eintritt (aus Kulanzgründen eventuell auch erst nach seinem Hinsetzen) das
Plastikei mit Minutenskale auf fünfzehn Minuten gestellt.
Gero
kämpft tapfer. Auch dann und wann gegen aufkommende Wut. Was ihm die nette Dame
mit Hornbrille, rosa Pulli, braunen Flanellhosen und wenig Ausstrahlung
letztlich verklickert, ist nicht dazu angetan, das Flämmchen Kampfgeist, das in
ihm erwacht war zu einem veritablen Feuer anwachsen zu lassen. Denn die
Quintessenz von knapp eineinhalb Stunden warten und Eieruhr gesteuerten fünfzehn
Minuten Sitzung war die:
Gero
muss das Arbeitsrecht kennen. Er muss sich seiner Rechte und Pflichten als
Arbeitnehmer bewusst sein. Und er darf einen Arbeitsvertrag nicht
unterschreiben, wenn für ihn daraus Nachteile entstehen, mit denen er sich nicht
einverstanden erklären kann.
Also:
Öffnet die Universitäten für alle Arbeitnehmer. Auf dass sie erst einmal
Arbeitsrecht studieren, um dann trotzdem im Arbeitsmarkt ausser Rang und
Traktanden zu fallen – dannzumal vielleicht wegen Überqualifikation...?
*
Sowohl die
Personennamen als auch die Namen der genannten Firmen sind dem Autor bekannt
Markus
Christen-Buri
markus.christen@hispeed.ch
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Eine unendliche Geschichte
Maskenball! Ozonwerte im Sommer mit gesundheitsgefährdenden Werten. Grosses
Geschrei um Massnahmen, diese unter Kontrolle zu bringen. Grandioser Aktionismus
allenthalben. Doch nichts passiert.
Hundebisse, die Menschen – Kinder! – töten. Grosses Geschrei um Massnahmen, dies
unter Kontrolle zu bringen. Grandioser Aktionismus allenthalben. Doch (fast)
nichts passiert.
Feinstaubbelastungen mit Rekordwerten in vielen Gegenden der Schweiz (und wohl
auch anderswo in Europa). Grosses Geschrei um Massnahmen, dies unter Kontrolle
zu bringen. Grandioser Aktionismus allenthalben. Doch nichts passiert.
Langweilig? Sicher! Genau so langweilig, wie die ewige Wiederholung: alarm –
Geschrei – Aktionismus – und Schluss.
Der
Aktionismus ist das einzige, was sich bewegt. Allerdings auch er nur da wo er
nicht wirklich bewegt.
Kommen
wir auf den Punkt: Dass der Feinstaub da ist, weiss inzwischen (fast) jedes Kind
(mit Ausnahme eines Gimis im Baselbiet, wo die Schulbehörde offenbar auch im
Winterschlaf liegt...). Auf seine Gefährlichkeit verweisen die Ärzte mit
Nachdruck. Dass er, im Gegensatz zum Ozon, wesentlich effizienter und
kleinräumiger zu reduzieren wäre, ist hinlänglich bekannt.
Was
fehlt, ist der Mut, die bekannten Fakten offen anzuerkennen. Und die möglichen
Massnahmen konsquent und ohne Rücksicht auf Verluste umzusetzen. Wirtschaftliche
und politische Sachzwänge treiben denjenigen, die wirklich und wirkungsvoll
agieren könnten, die pure Angst in die Knochen – oder sie sind geknebelt von den
wirtschaftlichen Interessen, denen sie verpflichtet sind.
Wie käme
denn ein Transportunternehmer dazu, einen Zwang zum Einbau von
Dieselpartikelfiltern zu unterstützen, der für ihn Zusatzkosten verursacht? Wie
käme denn ein bürgerlicher Politiker dazu, Einschränkungen des Verkehrs –
insbesondere des gewerblichen Verkehrs zu fordern oder zu unterstützen, wenn
damit sein Wähleranteil oder allenfalls sein Verwaltungsratsmandat gefährdet
werden könnte?
Man
springt auf das Züglein des Populismus gerne auf. Es macht sich gut, beim
grossen Kesseltreiben mitzumischen. Aber konkret etwas von Alphe bis Omega
durchziehen...?
Auch die
Feinstaubproblematik wird wie so vieles mit der nächsten Regenperiode im
wahrsten Sinne des Wortes den Bach runter schwimmen. Wenn die Schleimhäute nicht
mehr gereizt sind und keine Augen mehr brennen, und wenn es wieder ruhig wird um
die statistisch nachgewiesene Todesrate von jährlich dreitausendsiebenhundert
Menschen an den Folgen von Feinstaubemissionen, wird auch das Forderungspaket
«redimensioniert».
Man wird
sich dannzumal wieder um korrupte Politiker, beissende Hunde und überbordende
Bürokratie kümmern können.
Aktionismus und grosses Wehklagen wird erst wieder aufkommen, wenn See- und
Flusspegel wieder so hoch ansteigen, dass sie ganze Dörfer ertränken. Und wenn
Alphütten gleich reihenweise von Lawienen weggerissen werden. Oder wenn dereinst
nicht ein Pitbull sondern «der Schweizer Nationalhund», ein Berhardiner einen
Menschen umbringt.
Zynisch?
Schon, ja. Sie ist halt zynisch, die Realität.
Markus
Christen-Buri
markus.christen@hispeed.ch
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Die Jagt kann beginnen
Saskia Frei
steht in den Startlöchern. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird
sie in den Regierungsrat einziehen; und mit ihr das «grosse Aufräumen». Frau
Frei hat zunächst einmal einen grösseren Angriff auf die «schmarotzenden
Ausländer» vor.
Frage: Ist sie
da nicht in der falschen Partei?
Dann will sie
die Sozialhilfe – einmal mehr – nach vermeintlichen Geldauslauflöchern
durchforsten.
Frage: Gehört
Frau Frei zu jenen drei Prozent, die rund die Hälfte des in der Schweiz
versteuerten Vermögens besitzen?
In der Replik,
die am Dreikönigstag in der Basler Zeitung erschienen ist, beschränkt sich Frau
Frei – für's erste? - darauf, erst mal den Ausländern noch mehr Angst zu machen,
als diese ohnehin schon haben müssen. Doch der Tag wird kommen – so sie denn
gewählt wird – an dem sie wohl auch bei den einheimischen Sozialhilfebezügern
den Sparhebel ansetzt. Eine neue alte «Ausweisungspraxis» könnte wieder Urständ
feiern.
Frage: Kennt
Frau Frei die Zeit, als Menschen, die in ihrem Wohnkanton zu sehr oder zu lange
auf dem Portemonnaie der «Fürsorge» lagen, in ihre Heimatgemeinde zurück
geschickt wurden?
Also auf zur
Jagd. Ein Hallalie auf die die neue alte Zielscheibe der Armen. Denn die kann
man ja an die Wand drücken. Zu schwach ist (noch) die «Armutsliste».
Bösartig?
Niederträchtig? Sehr geehrte Frau Frei. Es mag etwas überzeichnet sein, was da
vorgängig geketzert wird, eine Karrikatur. Aber bösartig oder niederträchtig ist
es nicht. Nicht in Anbetracht der Tatsache, dass sich der Staat ja seine
SozialhilfeempfängerInnen zu einem guten Teil selbst heranzüchtet.
Denn sehen Sie:
Es ist doch so, dass der Staat (ja ich weiss, das Volk ist der Staat) das Blaue
vom Himmel herunter verspricht, wenn es darum geht, seine Bemühungen für
«Randständige» vor eben diesem Volk ins rechte Licht zu rücken. Doch in der
Praxis vergammeln diese heeren Verprechungen zu faulem Morast.
Den Jungen, ja
speziell den Schulabgängern wird alles geboten, um eine Lehrstelle zu bekommen.
Tatsache ist, dass immer mehr Jugendliche zunächst in irgendwelchen diffusen
Zwischenlösungen (Berufswahl- oder Findungsjahr genannt) und danach allzuoft im
Drogensumpf und/oder in der Kriminalität verschwinden. Danach tauchen sie dann
wieder auf; in den Drogen- und/oder Kriminalitätsstatistiken – hin und wieder
einer als Suizidfall...
Die Alten, ja
sie müssen speziell gefördert werden. Es ist Sorge zu tragen, dass sie wegen der
Belastung durch Arbeitslosigkeit nicht dem Suff verfallen. Ihrer Reintegration
ist höchste Priorität einzuräumen. Grosse Versprechen – heisse Luft. Auch hier
finden wir viele der Betroffenen wieder: In den Statistiken im Zusammenhang mit
Alkoholismus und geistigem Niedergang – und hin und wieder einen als Suizidfall.
Alles gut und
schön. Sowohl der Junge wie der Alte treffen sich auf dem Weg in den sozialen
Absturz wieder: Im Suff, im Knast, am Bahngeleise wo der nächste Schnellzug bald
kommt.
Sparzwang!
Sparneurose?
Zynisch? Ja!
Brutal? Ja! So halt, wie die Welt, an der auch Sie mitgestalten.
Markus
Christen-Buri
markus.christen@hispeed.ch
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Junkies, Senioren - Lebensschnitte
«Räumungen und Dienstleistungen». Ein abstrakter Begriff für die meisten von
uns.
Als
Auftragnehmer fährt man zu einer vorgegebenen Adresse und kennt den Auftrag. Was
noch in der Wohnung steht ist zu räumen. Dafür hat man eine bestimmte Anzahl
Stunden, vielleicht Tage zur Verfügung. Das «Objekt» muss wieder frei werden.
Ein nächster Mieter oder Käufer wartet schon – zumindest in den meisten Fällen.
Zuvor Räumung, Reinigung, Renovation, soweit die Fakten.
Die Tür geht auf. Man tritt
ein – und steht schon mittendrin in der Intimsphäre eines Menschen. (Man
beachte: "Intimsphäre" und "Mensch". Und man steht da nicht einfach nur mitten
drin. Nein. Der Auftrag ist klar: Räumung. Eine erste Frage taucht auf: Warum
räumen? Tod? Scheidung? Haushaltsauflösung? Zahlungsunfähigkeit?
Man beginnt mit der Arbeit;
öffnet Schränke und Schubladen; schaut in den Sekretär; in den Kühlschrank.
Langsam aber unausweichlich entsteht ein Bild jenes oder jener Menschen, deren
Existenz in diesem Domizil "aufzulösen" ist.
Etwa die
alte Frau, die hier die letzten fünfzig Jahre ihres achtzigjährigen Lebens
gelebt hat und dann knall und Fall starb. Fotos tauchen auf; alte Fotos,
schwarz-weiss mit gezacktem Rand im Papier. Schon ziemlich vergilbt die meisten.
Mit Notizen auf der Rückseite, Daten, Namen, Orte, Lebensdaten. Fotos mit
Gesichtern. Für die alte Frau, die hier gelebt hat Bezugspersonen, Marksteine
eins Lebens. Geliebte Gesichter, Fixpunkte im Fluss eines jetzt erloschenen
Lebens. Für uns Abfall...
Eine
andere Tür – eine andere Wohnung. Chaos, wohin man sieht. Schon der
Eingangsbereich ein haufen Schrott, Lumpen, Plastiktaschen. Dazwischen einzelne
Schuhe, Bierdeckel, Flaschen. Es mieft. Man glaubt, hier nur mit der Gasmaske
durch zu kommen. Aber es muss ohne gehen.
Der Blick
in die Küche. Türme von Geschirr, wo immer man Platz zum stapeln hat;
Abfallsäcke, teils zerrissen. Wo der Boden noch erkennbar ist, stinkendes altes
Oel, schimmlige Wasserpfützen. Im Spülbecken Berge von Tellern, mit Wasser
eingeweicht – vor Wochen schon...
Das
Wohnzimmer, eine Ansammlung von vergammelten Möbelstücken – wahrscheinlich alle
schon mit mindestens dreimaligen Besitzerwechsel, bevor sie hier ihrer
endgültigen Vernichtung entgegen gingen – durch uns.
Und
wieder die Fragen: Wer? Wie? Warum? Ein Bild; ein Trugbild? Verurteilungen,
Vorverurteilungen?
Urteile.
Eine
andere Tür.
Ein
bisschen Mief, aber nicht aggressiv; vielleicht nur eingebildet wegen der
schweren Vorhänge an den Fenstern und der dunklen Tapeten mit den
klassisch–kitschigen Blumenmustern. Wegen der Möbel – alle in dunklem Holz
gehalten, schwer, alt, echt. Alles adrett an einem Platz – gerade so, wie es vor
10, 20, 35 Jahren hingestellt wurde.
Eine
Bücherwand mit Werken von Böll, Dürrenmatt, Hemingway; Reiseführer von
Polyglott, Fotobände über die Alpen und die Sahara, über Afrika und Grönland,
über Australien und Indien, über...
Historische Schriften und Fotobände über die Geschichte der Schweizer Armee –
vor den Aufdeckungen zum wahren Gebaren der Schweiz. Heldengeschichten halt –
Erinnerungen an die "gute alte Zeit".
Türen –
Offenbarungen. Und dann kommen wir – und machen handstreichartig alles zunichte.
Zerreißen Leben, Vergangenheiten; entsorge Lebensgeschichten...
Doch es
gibt noch eine zweite Seite der Medaille.
Die
Wohnung mit dem Chaos, mit den wochenlang eingeweichten Tellern...
Dieser
Chaot hat Tritt gefasst. Nach seinem Umzug (der die Folge einer Kündigung wegen
Zahlungsunfähigkeit war) hat er wieder Arbeit gefunden; kam wieder zurück ins
Leben. ER wurde von uns nicht vernichtet. ER brauchte nur den Tritt in den Arsch
um wieder in die Spur zu finden.
Zurück zur Textauswahl.
Markus
Christen-Buri
markus.christen@hispeed.ch
Beatus Gubler
www.streetwork.ch
Basel
